Projektionsmethoden

Wie die Bevölkerungsprojektion auf der Projektionen-Seite funktioniert – und warum die Methoden unterschiedliche Ergebnisse liefern.

Die Projektionen-Seite bietet fünf Methoden zur Bevölkerungsprojektion. Sie liefern teils sehr unterschiedliche Ergebnisse – das ist kein Fehler, sondern spiegelt grundlegend verschiedene Annahmen wider. Alle Methoden basieren auf historischen Daten von 2002–2025.

1

Lineare Trendfortschreibung

Konstanter jährlicher Zuwachs (oder Rückgang)

Einfach

Prinzip

Der durchschnittliche jährliche Bevölkerungszuwachs (positiv oder negativ) wird konstant in die Zukunft fortgeschrieben.

Berechnung

  • OLS-Regressionssteigung über alle Datenjahre (2002–2025)
  • P(t) = P_base + Δ × Schritte
  • Altersstruktur des Basisjahrs wird proportional skaliert

Stärken

  • ✓ Einfach und transparent
  • ✓ Stabil gegenüber Schwankungen
  • ✓ Schnell verständlich

Schwächen

  • ✗ Keine Altersstruktur-Dynamik
  • ✗ Ignoriert Geburtenrückgang
  • ✗ Kann neg. Werte ergeben
Empfohlen für: Grobe Kurzfristschätzungen (≤ 10 Jahre)
2

Exponentielle Fortschreibung

Konstante Wachstumsrate in % statt absolutem Zuwachs

Einfach

Prinzip

Dieselbe OLS-Steigung wie bei der linearen Methode, aber als konstante Wachstumsrate (%) angewendet.

Berechnung

r = Δ / P_base

P(t) = P_base × (1 + r)^Schritte

Warum ≈ Linear?

Bei kleinen Wachstumsraten (|r| < 1 %/Jahr) gilt:

(1 + r)ⁿ ≈ 1 + r·n

Norsjö schrumpft ~0,7 %/Jahr → kaum Unterschied zu linear über 76 Jahre.

Stärken

  • ✓ Realistischer bei Wachstum
  • ✓ Kein neg. Ergebnis möglich

Schwächen

  • ✗ Keine Altersstruktur-Dynamik
  • ✗ Bei Schrumpfung ≈ linear
Empfohlen für: Wachsende Regionen, Kurzfristschätzungen
3

Kohorten-Shift

Detailliertes Altersmodell mit frei wählbaren Parametern

Fortgeschritten

Prinzip

Jeder Einzeljahrgang (0–100) altert pro Simulationsschritt um genau 1 Jahr. TFR, Lebenserwartung und Migration sind frei einstellbar.

Algorithmus pro Jahr

  1. Kohorten-Shift: Jahrgang[i] → Jahrgang[i+1]
  2. Sterblichkeit: altersspezifische Sterberaten
  3. Geburten: Frauen(15–49) × TFR / 35
  4. Migration: Cluster auf Jahrgänge verteilt

Einstellbare Parameter

TFR Kinder/Frau; Bestandserhalt = 2,10
Lebenserwartung Konstant / Optimistisch / Zunehmend
Migration Cluster: 0–19 / 20–39 / 40–59 / 60+
Empfohlen für: Szenario-Exploration – „Was-wäre-wenn"-Analysen
4

Komponentenmethode

Historische TFR und Migration – vollautomatisch aus den Daten

Realistisch

Prinzip

Wie der Kohorten-Shift, aber alle Parameter werden automatisch aus den historischen Daten (2002–2025) abgeleitet. Kein manueller Override.

TFR-Schätzung aus DB

TFR ≈ Ø_Geburten / (Ø_Pop × 0,15) × 35

Demografischer Kollaps-Effekt

Für Norsjö ergibt sich TFR ≈ 1,3. Das führt zu einem selbstverstärkenden Kreislauf:

wenige Frauen → wenige Kinder
→ in 25 J. noch weniger Mütter
→ noch weniger Kinder → …

Beispiel-Szenarien

Methode Bev. 2100
Komponentenmethode ~661
Lineare Fortschreibung ~1.765
Exponentielle Fortschr. ~2.278
Empfohlen für: Langfristprognosen (> 25 Jahre) – realistischste Methode
5

Komponente + Migration ★ Neu

Historische TFR – frei einstellbare Migrations-Altersgruppen

Szenario

Prinzip

TFR und Sterblichkeit werden wie bei der Komponentenmethode automatisch aus den Daten abgeleitet. Die Migrations-Cluster (Jugend, Arbeit, Familie, Senioren) sind aber frei einstellbar – ideal um kommunale Anwerbungs-Szenarien realistisch durchzuspielen.

Beispiel-Szenarien

  • +50 junge Familien/Jahr (20–39 J.): 0–4-Kohorte wächst, aber TFR bleibt historisch niedrig (≈ 1,3)
  • +100 Senioren/Jahr: 60+-Gruppen stärker, kein Effekt auf Geburten
  • Gemischtes Profil: realistischste Abbildung einer aktiven Anwerbepolitik

Parameter im Vergleich

Parameter Komponent. Komp.+Mig.
TFR DB-Ø DB-Ø
Sterblichkeit DB-Ø DB-Ø
Lebenserwartung wählbar wählbar
Migration DB-Ø frei
Empfohlen für: Kommunale Planungsszenarien – realistisch & flexibel
6

PDE-Szenario (IIASA) ★ Neu

TFR, Lebenserwartung & SRB mit Interpolation + detaillierte Netto-Migration nach Altersgruppen

Szenario

Prinzip

Eine Erweiterung des PDE-Modells (Population-Development-Environment, IIASA): TFR, Lebenserwartung und Geschlechterverhältnis werden linear vom Basiswert zum Zielwert interpoliert. Die Netto-Migration wird über dasselbe Altersgruppen-Cluster-Modul gesteuert wie bei der Kohorten-Shift-Methode – mit vier frei konfigurierbaren Clustern (0–19, 20–39, 40–59, 60+).

Algorithmus pro Jahr

  1. Altersverteilung in Einzeljahre auflösen (Basis-Jahr)
  2. TFR und e₀ vom Basiswert zum Zielwert linear interpolieren
  3. Pro Simulationsschritt: Geburten (über TFR), Sterbefälle (über e₀), Netto-Migration nach Altersgruppen-Clustern anwenden
  4. Ergebnis in 5-Jahres-Gruppen reaggregieren

Lineare Szenario-Interpolation

TFR und Lebenserwartung werden vom historischen Basiswert zum benutzerdefinierten Zielwert linear interpoliert. Die Netto-Migration wird über vier Altersgruppen-Cluster konstant angewandt (gleiches Modul wie Kohorten-Shift).

r(t) = r(t₀) + (t−t₀)/(t₁−t₀) × [r(t₁) − r(t₀)]

Einstellbare Parameter

TFR Zusammengefasste Geburtenziffer (0,5 – 5,0)
e₀ Lebenserwartung bei Geburt (60 – 95 Jahre)
Netto-Migration p.a. Vier Altersgruppen-Cluster (0–19, 20–39, 40–59, 60+) – gleiches Modul wie Kohorten-Shift
SRB Geschlechterverhältnis bei Geburt (1,00 – 1,10)

Stärken

  • Volle Kontrolle über Fertilität, Mortalität und SRB
  • Gleitende Interpolation statt Sprünge
  • Detaillierte Migrationssteuerung nach Altersgruppen
  • Wissenschaftlich fundiert (IIASA-Methodik)

Schwächen

  • Erfordert demografisches Fachwissen
  • Unrealistische Eingaben möglich
Empfohlen für: Experten-Szenarien mit voller Parameterkontrolle und detaillierter Migrationssteuerung nach Altersgruppen.

Wann welche Methode?

Zweck Empfohlene Methode
Grobe Kurzfrist-Schätzung (≤ 10 Jahre) Linear oder Exponentiell
Mittelfrist mit Altersstruktur (10–25 Jahre) Komponentenmethode
Langfrist (> 25 Jahre) Komponentenmethode
„Was-wäre-wenn"-Szenarien (TFR, Migration) Kohorten-Shift
Kommunale Anwerbungs-Szenarien Komponente + Migration ★
Eigene Szenario-Annahmen (TFR, e₀, Migration) PDE-Szenario (IIASA) ★

Hinweis: Die Komponentenmethode und „Komponente + Migration" ignorieren den TFR-Slider im UI – sie verwenden immer die historisch berechnete TFR aus den DB-Daten (2002–2025). Der TFR-Slider wirkt nur bei der Kohorten-Methode.